Ein wunderprächtiges Hallo!

Heute schon in den Spiegel geschaut? Diese kreativen Herrschaften schon:

Schon interessant, was Spiegel alles so zu sehen und zu tun vermögen, oder. Aber genug der Selbstreflexion. Ich war nämlich auf einem Flohmarkt und habe da so eine komische Gerätschaft gefunden. Aber lest selbst…


Kennt ihr auch diesen Typ Idiot, der neugierig denkt ‚ich frage mich, wofür dieser große rote Knopf ist‘ und ihn dann ohne eine Denkpause sofort drückt? Meine Damen und Herren: Dieser Idiot bin ich.

Als ich diesen roten Knopf auf der seltsam anmutenden Gerätschaft drückte, die ich durch Zufall auf dem Flohmarkt fand, drehte sich meine Welt zuerst über Kopf, stülpte sich dann von laut auf leise, quetschte Horizontal und Vertikal zu einem Ball zusammen und spuckte mich wie etwas übel schmeckendes wieder aus. Betäubt fand ich plötzlich wieder Boden unter den Füßen. Da meine Augen noch immer Sterne sahen und sich meine Innereien noch nicht ganz sicher waren, ob alles am angestammten Platz saß, setzte ich mich vorsichtig hin. Tief aus und ein atmend, kamen meine Sinne langsam wieder. Als sich auch der Tinitus aus meinen Ohren vertrieben hatte, hörte ich wage, dass das Gerät in meiner Hand leise zu ticken anfing. Ich sah hinunter. Memo an mich selbst: Aufhören, rote Knöpfe zu drücken.

Neben dem Ticken vernahm ich nun außerdem noch seltsames Getuschel. Ich blickte auf und sah eine Gruppe von jungen Damen hinter ihren Fächern tuscheln. Eine Frau hob sogar ihre behandschuhte Hand, um ihre Kommentare hinter einem Spitzentaschentuch zu verstecken. Ich blinzelte. Ich hoffte auf einen dummen Scherz, doch die Damen in ihren Korsetts und mit Reifröcken aufgebauschten Kleidern schienen durchaus real. Als ich mich nun umblickte, schienen nicht nur die Menschen, sondern auch die Häuser, die hauptsächlich aus Holz bestanden, aus einer längst vergangenen Zeit. Selbst für eine Filmrequisite schienen mir einige Details einfach zu authentisch. Der Gestank zum Beispiel.

Die Damen tuschelten noch immer:
„I have a faint cold fear thrills through my veins, that almost freezes up my heat of life. What should she do here, may I ask?“
„And this attire! Why would she wear those breeches? How scandalous a woman!“
„Methinks, mistress, that we should call the foreman. This is a matter for men with be’er kno’ledge of the sort.“
Eine der Damen hob ihre Hand und ihre Begleiterinnen schwiegen.
„May I speak with the dame; for she speaks english?“
Auch wenn mir die Sprache recht mittelalterlich schien – wie so ziemlich alles hier – antwortete ich vorsichtig und versuchte, deren Reden zu imitieren. Das Quälen durch ‚Hamlet‘ im Englischleistungskurs in der Schule sollte vielleicht doch noch zu etwas gut sein.
„Ich tu’s, Madame. Doch sagt, wo bin ich hier gelandet? Mir scheint, ich bin recht fern meiner Heimat.“
„Das scheint mir offensichtlich. So kleidet sich in London keiner.“ Sie sah mit einem demonstrativen Blick an mir auf und ab. Auch ich sah an mir herunter: Vermutlich waren es nicht nur meine neongrünen Socken, die sie irritierte. Lederjacke, Ramones-Shirt, Jeans und Turnschuhe waren vermutlich auch nicht gerade der neuste Schrei hier.
„Verzeiht, ich bin Deutsche und habe einen beschwerlichen Weg hinter mir.“
„Die deutschen Damen tragen Beinkleid? Wie…. modern.“, hörte ich die Älteste in der Runde tuscheln. Man hörte die Verachtung in ihrer Stimme.
Die unangenehme Situation wurde zum Glück unterbrochen, als sich eine Tür zu meiner Linken öffnete und ein gut angeheiterter Mann heraus trat. Hinter dem Ohr steckte eine Schreibfeder und in einer tintenbeschmierten Hand trug er einen Humpen.
„Die Lady Tulsdale!“, rief er laut und gab sich sichtlich Mühe, klar zu sprechen. „Wie geht es ihnen? Immer noch reich? Ich habe gehört, der Heiratsschwindler hat sich auch an Ihnen probiert?“ Die Lady nickte grüßend. „Er war ein Narr, William. Den selben Liebesbrief gleich zwei mal zu verschicken war das dümmste, dass ich je gehört habe. Eine Dame wie mich betrügt man nicht so leicht.“ ‚William’nahm einen Schluck aus seinem Humpen und überlegte kurz. „Weißt du, ich glaube, diese Geschichte würde eine herrliche Komödie abgeben. Eine in drei Akten. Und irgendjemand sollte vielleicht in der Themse landen.“
Meine Augen wurden groß. „Die lustigen Weiber von Windsor!“, entfuhr es mir und ich musste mir gleich darauf angesichts meiner Dummheit auf die Zunge beißen. William Shakespeare wandte sich das erste mal mir zu und nickte bedächtig. „Als Titel gar nicht mal schlecht. Ich glaube, den borge ich mir.“ Dann starrte er mich an. Ich starrte zurück und versuchte mir, jedes Detail einzuprägen. Diverse Künstler hatten nicht untertrieben: seine Stirn war nicht nur fliehend, sondern zog sich haarlos über seinen halben Kopf. Sein Bart war ungepflegt, er roch nach Spelunke und Schweiß und wirkte auch in allen anderen Belangen unattraktiv und durchschnittlich. Was für eine Enttäuschung.
„Und wer, meine Teure, sind Sie?“
In meiner Hand piepste etwas. Ich sah, dass eine grüne Lampe an der Gerätschaft zu blinken begann, die mich in dieses Schlamassel gebracht hatte. Ich merkte, wie sich langsam wieder die Realität ineinander klappte und hoffte, dass ich diesmal wieder auf dem Flohmarkt landen würde.
„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“, murmelte ich noch, bevor ich wieder in den Zeitstrom gesogen wurde.
Benommen und noch immer mit einem Klingeln in den Ohren stand ich auf einmal nicht mehr im elisabethanischen London, sondern auf dem Flohmarkt im verhältnismäßig gut riechenden 21. Jahrhundert.
War ich da gerade tatsächlich in der Zeit gereist?
Sachen gibts.


Ich reiche den Staffelstab und dieses seltsame Zeitreiseobjekt an euch weiter und frage: Wohin verschlägt es euch? Macht einmal eine Zeitreise in die Vergangenheit und berichtet über eure Erfahrungen. Vielleicht landet ihr ja bei den Dinosauriern? Oder in der Schlacht von Troja? Und eventuell kann mir ja mal jemand erklären, wie das Teil funktioniert, ich würde nämlich gern mal bei so einer Party in den goldenen 20ern mitfeiern.


Was ist der Story-Samstag? storysamstagDer Story-Samstag hat nur zwei einfache Regeln: Ich gebe alle 2 Wochen ein kleines Thema vor. Und du hast die Möglichkeit ganz kreativ darauf mit einem Beitrag – egal ob als Gedicht, Abhandlung, Erzählung, Witz oder sonstiger literarischer Art – zu reagieren. 

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