• Autor: einzlkind
  • Titel: Harold
  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: edition TIAMAT (1. März 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3893201424
  • ISBN-13: 978-3893201426
  • Genre: Belletristik / Humor
  • Klappentext: Harold bringt sich gerne um. Das ist sein Hobby. Vermutlich hat er es sich von seinem berühmten Namensvetter aus »Harold and Maude« abgeguckt, dem etwas schmalzigen Film aus den 70ern. Aber sonst hat er mit dem Filmmenschen nichts zu tun. Vielmehr ist er Wurstfachverkäufer. Aber seine spezielle Feindin aus der Käseabteilung sorgt dafür, daß Harold entlassen wird. Harold ist eigentlich überhaupt nicht lebensfähig und seinen Mitmenschen hilflos ausgeliefert, die ihn nach Kräften quälen und ausnutzen. Und dann muß er eine Woche lang auf den 11-jährigen Melvin aufpassen, der behauptet ein Genie zu sein, ein hochintelligentes, aber auch altkluges Bürschchen, um genauer zu sein, eine Nervensäge, die den wehrlosen Harold in ein Schlamassel nach dem anderen hineinzieht. Melvin sucht seinen Vater. Harold begibt sich mit auf die Reise und bereut es spätestens, als er die Queen überfährt.

Das Leben hat sich zu schnell verändert, er war heute morgen sogar im Park, um Enten zu füttern. Er war noch nie morgens im Park. Er war noch nie im Park. Und Enten hatte er auch noch nie gefüttert. Schuld war die Reportage im Independent. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Arbeitslose im Schnitt zwei Stunden täglich im Park verbringen und Enten füttern. Und da Harold nicht recht wusste, was er sonst machen sollte, ging er in den Park und blieb gleich vier Stunden, um sich für den nächsten Tag frei zu nehmen.

Humor ist ja bekanntlich ein sehr breites Spektrum. Die einen lachen sich über Flachwitze und Situationskomik á la Adam Sandler schlapp, der Nächste bevorzugt Mario Barth und einen anderen treibt es bei ‚Neues aus der Anstalt‘ und politischer Satire Lachtränen in die Augen. Unter anderem gibt es auch die Kategorie rabenschwarz und urbritisch: ein Humor, der so ironisch, bissig und zynisch ist, dass die Political Correctness gern mal auf der Strecke bleibt. Hier siedelt sich Harold an. Und was soll ich sagen? Ich habe Tränen gelacht.

Harold ist 49, ledig,arbeitslos und hängt sich hobbiemäßig ein paar mal im Monat im Treppenhaus auf. Sein durch und durch deprimierendes Leben wird auf den Kopf gestellt, als ihm plötzlich das Nachbarskind zur Betreuung untergejubelt wird. Der elfjährige Melvin ist auf seine ganz eigene Art schräg, denn er ist nicht nur Frutarier und ein Wunderkind, sondern leidet an verbaler Diarrhoe. Dieser kleine Klugscheißer scheint alles zu wissen und zu können, hat jedoch keinen Führerschein, weswegen er kurzerhand Melvin als Chauffeur in seinen Plan einspannt, nach seinem Vater zu suchen. Dieser Roadtrip gestaltet sich – man kann es schon vermuten – nicht ganz ungefährlich. Melvins große Klappe bringt die beiden immer wieder in brenzlige Situationen, denen es nie an Komik  oder genialen Dialogen mangelt. Auf ihrem Weg durch die britischen Inseln treffen sie so auf Nutten, Mafiosi und poetische Boxer, verlieren Wetten oder überfahren die Queen.

Nicht nur die skurile Situationskomik, sondern auch der hoch geschliffene Wortschatz ist es, was dieses Buch so einzigartig macht. Es ist eine Mischung aus Evers, Hornby und Adams, die nicht nur mit Wortwitzen, sondern klugen Gedankengängen, wilden Satzkreationen und urkomischen Dialogen besticht. All dies zieht sich auf höchstem sprachlichen Niveau durch alle Seiten. Kleine Kostprobe gefällig?

Das Publikum ist dank darwinistischer Auslese ein Who’s who des menschlichen Wagemuts. Arbeitsskeptische Jungunternehmer, frühpensionierte Luden, Selbsthilfegruppen mit Migrationshintergrund, freischaffende Hooligans und Familienväter in Freitzeitblusons.

Einzig zu beanstanden wäre das doch recht simple Story-Gerüst, dass nur als ganz zarter roter Faden die verrückten Aneinanderreihungen von Umständen zusammen hält. An dieser Stelle hat mir irgendwie ein kleiner Kick gefehlt, der das ansonsten hoch unterhaltsame Duo unterstützt.

Ich empfehle Harold uneingeschränkt allen Freunden des pechschwarzen, bissigen Humors! Dieses Buch ist nicht nur ein Roadtripp durch England und Irland, sondern entführt euch auch in die deutsche Sprache und die tiefsten Gefilde staubtrockener Komik.

Besten Dank an schauwerte für dieses hervorragende Buchdate!

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