• Autor: Murakami, Haruki
  • Titel: Kafka am Strand
  • Originaltitel: Umibe no Kafuka
  • Taschenbuch: 640 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (6. März 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442733235
  • ISBN-13: 978-3442733231
  • Genre: Belletristik / Gegenwartsliteratur

Klappentext lt. Amazon: Der 15-jährige Kafka Tamura reißt von zu Hause aus und flüchtet vor einer düsteren Prophezeiung seines Vaters auf die Insel Shikoku. Seine abenteuerliche Reise führt ihn in eine fremde Stadt, wo er der faszinierenden Bibliotheksleiterin Saeki begegnet und ihr verfällt. Er macht die Bekanntschaft mit einem geheimnisvollen alten Mann, der mit Katzen sprechen kann, und gleitet ab in eine fremde, seltsame Welt. Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Wo endet diese Reise voller rätselhafter Begegnungen und labyrinthischer Wege?


Lieber Zeilenende

vielleicht solltest du eine Partnerberatung eröffnen. Denn obwohl unser Buchdate mit dem heutigen Tag nun leider zu einem Ende kommt, kann ich nur hoffen, dass du vielen anderen Lesern so eine traumhafte Beziehung vermittelst, wie ich sie mit diesem Buch gefunden habe. Meine anderen beiden – von dir vorgeschlagenen – Datingpartner werde ich auch baldigst in Augenschein nehmen. Vielleicht lebe ich danach ja in himmlischer Polygamie? 

Schockverliebt und in Dankbarkeit, 

tante tex


Natürlich kommst du durch. Durch diesen tobenden Sandsturm. Diesen metaphysischen, symbolischen Sandsturm. Doch auch wenn er metaphysisch und symbolisch ist, wird er dir wie mit Tausend Rasierklingen das Fleisch aufschlitzen. Das Blut vieler Menschen wird fliessen, auch dein eigenes.
Warmes, rotes Blut. Du wirst dieses Blut mit beiden Händen auffangen.
Es ist dein Blut und das der vielen.
Und wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist.
Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr derjenige,der durch ihn hindurchgegangen ist.
Darin liegt der Sinn eines Sandsturmes.

Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass Kafka am Strand eines der interessantesten und fesselnsten Stücke der Gegenwartsliteratur ist, dass ich je gelesen habe. In meinem Kopf ist noch einiges unklar und die Realität scheint sich ein bisschen verschoben zu haben. Ähnlich wie auch für Nakata und Kafka, die in Japan auf kuriose Geschehnisse stoßen. Makrelen regnen vom Himmel. Der Wald ist voller Geister. Steine verleihen übernatürliche Fähigkeiten. Und das Böse heißt Johnny Walker.

Murakami-Bücher sind meiner Meinung nach immer recht schwer in Rezensionen zu fassen, sind die Bücher des Japaners doch oftmals selbst eine einzige Metapher. Er ist ein surrealistischer Maler von Worten. Deswegen kann man seine Werke einfach nicht für andere beschreiben:man muss sie selber erleben. Kafka am Strand folgt keinen Regeln; ist zugleich bestechend logisch und verwirrend unlogisch. Es baute mich auf und riss mich nieder. Ich laß und ich fühlte, ich versuchte zu verstehen, gab es auf und ließ mich irgendwann einfach treiben. Und dieses schwebende Gefühl ist es, in das ich mich verliebte.

Das spezifische Gewicht der Zeit lastet auf dir wie ein alter, ambivalenter Traum. Unablässig bist du in Bewegung, um der Zeit zu entrinnen. Doch auch wenn du bis an den Rand der Welt läufst, wirst du ihr nicht entkommen. Und dennoch kannst du nicht anders, als bis an den Rand der Welt zu gehen.

Aber genug von meiner Schwärmerei für Murakami: ich versuche mich mal an der Handlung. Erwartet jedoch nicht von mir, dass ich euch das Buch erkläre, denn ich habe selber noch nicht alles verstanden. Im Prinzip geht es aber um zwei Menschen auf der Suche nach Selbstfindung, deren Schicksale über komplexe Art miteinander verwoben sind. Ein fünfzehnjähriger Ausreißer namens Kafka flieht vor einer Ödipus-Prophezeiung und versucht, seine Zukunft zu verändern. Ein alter Mann namens Nakata, der zwar nicht lesen, dafür aber mit Katzen sprechen kann, ist dagegen auf der Suche nach Antworten und hofft, diese in der Vergangenheit zu finden. Fiktionale Ideen wie sprechende Katzen oder regnende Fische werden in eine Story über das Erwachsenwerden gemischt. Und seltsamerweiser nimmt man diesen Unsinn Murakami tatsächlich ab.

Der Autor wirft dem Leser in dieser Geschichte im Sekundentakt neue Ideen an den Kopf. Er bombardiert einen mit Weisheiten und diskutiert in schnellen Themenwechseln über Schicksal, Perfektion, Verlangen, Vergänglichkeit oder auch mal Aal. Man würde meinen, dieser bunt zusammen gewürfelte Mix an Ideen würde keinen Sinn ergeben, aber ein kumulativer Wow-Effekt ist durchaus vorhanden und wirkt für mich noch immer etwas nach.

Kafka ist ein typischer Murakami-Held: einsam, wortkarg, liebesbegierig und voller Gedanken und Ideen. Ob Murakami mit der Namenswahl des Charakters etwas implizieren wollte, ist debatierbar. Vielleicht Franz Kafkas komplizierte Beziehung zum Vater und zu Frauen? Auf jeden Fall ist die Handlung sehr kafkaesk und in Grund und Boden interpretierbar. Der Schreibtstil ist seltsam und unvergleichlich, doch diese unkonventionelle Art ist es, die einen in die Geschichte hinein zieht. Es findet ein fließender Wechsel zwischen Realität versus Gedanken und Vorstellung der Charaktere statt. Wie immer findet auch Musik eine zentrale Rolle, doch diesmal war es seine Ode an die Zeit, die mich in den Bann schlug. Die Zeit, so Murakami, ist ein zentraler Inhalt des Lebens. Die Zeit schafft Erinnerungen und formt uns in unseren Handlungen und die vor uns liegende Zukunft zwingt uns darüber nachzudenken, was wir mit unserem Leben noch tun wollen. Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ist Möglichkeit.

“Wir alle verlieren ständig Dinge, die uns wichtig sind. Wichtige Gelegenheiten und Möglichkeiten, oder unwiederbringliche Gefühle. Das macht das Leben aus. Aber in unserem Kopf – oder vielleicht sogar der Kopf selbst – ist ein kleines Zimmer, in dem diese Dinge als Erinnerungen aufbewahrt bleiben. Ein Zimmer wie diese Bibliothek. Und um über unseren genauen geistigen Zustand auf dem Laufenden zu sein, müssen wir die Karteikarten in diesem Zimmer ständig ergänzen. Wir müssen es reinigen, lüften und das Blumenwasser wechseln. Anders ausgedrückt, man lebt auf Ewigkeit in seiner eigenen Bibliothek.”

Ich bin zum Glück schon darauf vorbereitet, dass japanische Literatur lieber schwierige Fragen stellt, statt sie zu beantworten. Deswegen lässt sie oftmals ein verwirrendes Gefühl zurück. Kafka am Strand öffnete meinen Verstand und meine Gefühlswelt und fuhr mit den Inhalten Achterbahn. Es ist selten, dass mich eine Story so erwischt.

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