Tri-tra-trullala, Story-Samstag ist wieder da!

Was für ein faszinierendes Kasperletheater mich doch von meiner letzten Challenge erwartete! Das versüßte mir meine bettlegerische Zeit. Leider quäle ich mich momentan nämlich mit einer Lungenentzündung und kann leider nicht so, wie ich gern wöllte. Aber dafür seid ihr ja um so aktiver gewesen. Ich habe ja bei meinem bunt gewürfelten Wortbaukasten mit viel Blödsinn gerechnet, aber um so überraschter war ich, dass doch wieder sehr viel anregende Texte bei mir eingegangen sind:

Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen? Falls doch, dann schreibt mir eine Beschwerde und ich werde flux diesen fatalen Fehler revidieren.

Heute werfe ich euch mal wieder ein Wort um die Ohren, mit dem ich mich die letzten Wochen leider intensiv rumärgern musste:

Erbe

Habt ihr schon einmal geerbt? Wenn ja, was? Eine alte Taschenuhr vielleicht? Man sagt ja immer so leichthin „Die Augen habe ich von meinem Vater geerbt“. Igitt. Was für ein blöder Zungenschlag. Ich stelle mir doch alles immer so bildlich vor.  Vielleicht sind ja Hobby-Biologen unter euch und erzählen uns was über Mendelsche Vererbung? Oder mag mir vielleicht jemand eine Horrorstory über ein vererbtes Geisterhaus erzählen?

Ich bin wie immer gespannt, was euch zu dem Thema einfällt.


Ich klingle und drücke noch einmal die Hand meiner Mutter, um ihr all meine moralische Unterstützung zukommen zu lassen. Ich selber schlucke noch einmal all mein Gefühlschaos herunter, als sich auch schon die Tür öffnet. Vor uns steht eine mir gänzlich unbekannte Frau, die sich als die Tochter meines Opas vorstellt. Sie murmelt ein „Mein Beileid“, so unbeteiligt und emotionslos, dass ich ihr am liebsten ins Gesicht schlagen würde. Diese Frau, die ihr Leben lang weit weg von ihrem Vater und seiner neuen Ehefrau, meiner Oma, gelebt hatte, führte uns in die Wohnung, als wäre es ihr eigenes Heim. Dabei weiß sie vermutlich nicht einmal, in welchem Schieber die Löffel sind.

„Nehmt euch, was ihr wollt. Landet eh alles im Müll.“, meint sie ausdruckslos. Lügnerin. Schon mit einem schnellen Blick durch die Wohnung sehe ich, dass drei Vasen vom Meißner Porzellan fehlen. Auch drei kleine Engel von Wendt und Kühn stehen nicht mehr an ihrem angestammten Platz neben dem Radio. Im Bücherregal fehlt zudem der antike Band über Heilverfahren von Bilz. Der samtene Beutel mit Kondolenzkarten, den sie uns überreicht, wurde, wie ich vermute, schon des Geldes geleert.

Diese Wohnung, in dem bis vor kurzem noch meine Großeltern lebten, scheint vollgestopft zu sein mit Dingen aus zwei Leben. Dinge, die wertlos erscheinen, für mich jedoch unbezahlbar sind. Ich erinnere mich an die schönen Zeiten, die ich in diesem Ort verbrachte. Lange Nachmittage verbrachte ich hier Kuchen essend, machte Hausaufgaben oder löste Kreuzworträtsel, spielte unzählige Partien Rommé oder lernte Schach. Ich unterdrückte die Tränen als sich mir unweigerlich ein Bild meiner Oma in diese Erinnerungen schiebt, wie sie krank auf dem Sofa sitzt, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wie ihr Ehemann wenige Wochen später in seine Kaffeetasse weint. Ich hatte meinen Opa noch nie weinen sehen. Das er wenige Tage später ‚hinterher ging‘ ist ebenso tragisch wie romantisch, und angeblich nicht einmal selten. Alles was nun bleibt, ist ein Scherbenhaufen an Emotionen.

Ich lenke mich von meinen Gedanken ab, indem ich zielgerichtet eine Schublade öffne. Ich entnehme das Schachspiel und die Rommé-Karten, deren Wert diese fremde Frau niemals zu schätzen wissen wird. Zudem wandere ich ins Schlafzimmer und suche die gut versteckte Schatulle heraus, die Schmuck enthält, der vermutlich nicht viel Wert hat, jedoch seit 1908 in Familienbesitz ist und von denen einige Stücke Abenteuer erzählen könnten, würden sie sprechen. Ich streiche mit meinen Fingern über die Kunstperlen, die meine Oma fast täglich trug und früher so oft die Neugier meine Kinderhände geweckt hatte.

Mechanisch arbeite ich die Liste ab, die wir uns vorbereitend geschrieben haben und sammle Dinge ein, die wir unbedingt vor der Wohnungsräumung retten wollen. Ich begrüße die Tätigkeit, lenkt sie mich doch von weiteren ungebetenen Gedanken ab. In meine Obhut nehme ich vor allem Fotos… So viele Fotos, tausende von ihnen. Zahlreiche Urlaube, Familienfeste, Bilder von Mamas Kommunion und meiner Einschulung, meine Mutter im Kinderwagen und Hochzeitsbilder. Viele Gesichter erkenne ich schnell wieder, einige sind mir dagegen gänzlich unbekannt. Auffällig ist aber, dass keines dieser Gesichter der Frau entspricht, die mich wie ein Luchs in meinem stillen Tun beobachtet. Ihr Vater mag nicht mein leiblicher Opa sein, doch ich fühle Genugtuung, dass sie zwar alles weltliche erben mag, nicht jedoch die Erinnerungen an Lachern, Lehren und Liebe, die mir in Gesellschaft dieses Mannes zuteil wurden.

Meine Mutter ist stumpf. Sie interessiert nichts von alledem. Ich sehe, wie sie wie ein Geist durch die Wohnung wandelt und vor einem Foto verharrt. Es zeigt die vier Generationen unserer Familie: mich, Mama, Oma und Uroma – allesamt nebeneinander auf der Couch sitzend und an einer Patchworkdecke strickend. Sie hebt es liebevoll hoch und presst es an ihre Brust. Nun gibt es nur noch uns zwei und ein Erbe an Erinnerungen.


Was ist der Story-Samstag? storysamstagDer Story-Samstag hat nur zwei einfache Regeln: Ich gebe alle 2 Wochen ein kleines Thema vor. Und du hast die Möglichkeit ganz kreativ darauf mit einem geschriebenen Beitrag – egal ob als Gedicht, Abhandlung, Erzählung, Witz oder sonstiger literarischer Art – zu reagieren.

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