Folklore und Feen: Irland ist berühmt für seine traumhafte Natur und die faszinierenden Geschichten über Feen und Kobolde. Zum heutigen Sonntags-Song erzähle ich über meine ‚full irish experience‘.

So schön die Reise auch war, so abenteuerlich wurde sie zunehmend. Das reicht von plötzlichen Feueralarmen und verbundenen Kaufhausevakuierungen in Belfast bis hin zu nächtlichen Spaziergängen in Warnweste über dörfliche Landstraßen. Ich genoss zudem Irish Stew, Seafood Chowder, Shepherds Pie und ähnliche traditionelle Gerichte. Ich sah gefühlte siebzehn Millionen Schafe, trank bei irischem Live-Folk ein Bulmers, erblickte so viel Grün wie schon lange nicht und kletterte in uralte, verlassene Gemäuer, in denen angeblich einige Síóga (Feen) hausten.

Wo die Kobolde wohnen

Während sich die meisten Europäer mit ihrem christlichen Glauben erklärten, was sie sonst nicht erklären konnten und unerklärbares als ‚böse Hexerei‘ abtaten, gingen die Iren auf ihrer Insel mit sehr viel mehr friedlicher Ehrfurcht an: Wenn Du nicht weißt, was es ist – bestimmt sind es die Fairies. Zudem hatten die Geschichten von Banshees, Leprechauns und dem magischen Ort Tír na nÓg  nicht nur unterhaltende, sondern auch praktische Anwendungen. Man denke an die vielen Gefahren, die überall auf dem Lande lauerten. Es war gefährlich, nachts im Dunkeln allein durch das Moor zu laufen. Also sagte man: „Wenn Du nachts allein Durch das Moor läufst, holen dich die Fairies.“ Zwar gibt es nicht wie in Island ein Amt für ‚Elfenschutz‘, aber noch heute glauben die Iren an ihre Zauberwesen und behandeln deswegen ihre Umwelt, insbesondere Grabhügel und Ruinen, mit Respekt.

Die Abenteuer des Finn McCool

Das einzige irische Naturdenkmal nennt sich Giant’s Causeway – der Damm des Riesen, oder auch im irischen recht eingängig Clochán na bhFómharach. Gesundheit. Dieses interessante Naturschauspiel entstand vor rund 60 Millionen Jahren durch eine vulkanische Eruption der Erdkruste, deren Spuren sich von der Küste Antrims bis zu den vor Schottland gelegenen Inneren Hebriden nachweisen lassen. Dabei wurde entlang einer Bruchstelle westlich von Schottland und nordöstlich von Irland eine große Menge flüssiger Lava an die Oberfläche geschleudert. Die auskühlende Lava erstarrte zu den bemerkenswerten und bizarren Gesteinsformationen, wie sie am Giant’s Causeway, aber auch auf der Hebrideninsel Staffa zu finden sind. Die rund 37.000 Basaltsäulen sind sechseckig und etwa 30 Zentimeter breit. Einige haben vier, fünf, sieben oder acht Seiten. Viele dieser Säulen tragen in Anlehnung an ihre Form und ihr Aussehen Namen wie Lady’s Fan (Damenfächer), Horse Shoe (Hufeisen), Wishing Chair (Wunschstuhl) oder Giant’s Organ, die Orgel des Riesen.

Diese sehr wissenschaftliche Erklärung mal dahin gestellt, glaubt meine romantische Seele dann doch eher an den überlieferten Streit zwischen Finn McCool und dem schottischen Riesen Benandonner. Der mutige Riese Finn aus Ulster legte angeblich einen Damm an und marschierte mit seinen Siebenmeilenstiefeln über die irische See, um sich mit dem gegnerischen Riesenkollegen aus Schottland anzulegen und etwas Stunk anzufangen. Als er dort angekommen war und die Größe des Widersachers sah, verließ ihn jedoch schnell der Mut: Er gab Fersengeld und machte sich auf den schnellsten Weg zurück nach Irland. Der schottische Riese nahm jedoch die Verfolgung auf. Finns überaus kluge Frau erkannte die Gefahr, und ersann schnell einen Plan: Sie steckte ihren Mann in Babykleider, verpasste ihm einen überdimensionalen Schnuller und legte ihn in ein gigantisches Kinderbett. Als der Koloss aus Schottland das vermeintliche Riesenbaby sah, dachte dieser natürlich: „Mannomann, wenn das Baby schon so groß ist, wie groß muss dann erst der Papa sein?“ So flüchtete Benandonner zurück nach Schottland und riss hinter sich den Damm wieder ein. Die Überreste dieser interessanten Gesteinsformation beweist diese Geschichte, doch eindeutig, oder? Klingt für mich zudem viel spannender, als dieses trockene Gerede über Geologie.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Leiden der Tante Tex

Bei Carrick-a-rede,  irisch Carraig an Ráid, handelt sich um eine schmale Hängebrücke für Fußgänger, die eine Meerenge von 20 Meter in einer Höhe von 30 Meter überspannt. Der Fußweg zur Brücke dauert 15 min. und führt über einen teilweise recht steilen Pfad, bei dem man direkt am Rand hoher Klippen wandelt. Also genau das richtige für mich und meine Höhenangst. Haha. Ha. Nun gut, Augen zu und durch, beziehungsweise drüber über diese wackelige Angelegenheit. Ist ja nicht so, als wäre es an dem Tag windig gewesen oder dass all die anderen Touristen nicht absichtlich die Brücke zum Schaukeln gebracht hätten. Was ich nicht alles auf mich nehme, um für euch Reporterin zu spielen…

Eine Brücke zu dieser winzig kleinen Insel gab es schon seit rund 350 Jahren. Sie wurde ursprünglich von Fischern errichtet, die von der Insel aus mit einem Netz Lachse fingen. Da der Seegang um die Insel eine Bootsüberfahrt häufig verhinderte, hangelten sich die jungen Fischer zu Beginn noch nur über ein gespanntes Seil von A nach B, zogen sich nach einigen Jahren jedoch jedes Jahr aufs Neue eine kleine Hängebrücke. Obwohl die Brücke häufig starkem Wind ausgesetzt ist und entsprechend schwankt, soll noch nie jemand verunglückt sein. Wie beruhigend.

Von Lustgärten und Wissenschaft

Eines der ältesten Schlösser Irlands ist Birr Castle: Es befindet sich in der Grafschaft Offaly mitten im Herz der grünen Insel und wurde im Laufe der Jahrhunderte Zeuge vieler wichtiger Phasen der irischen Geschichte. Obwohl das Schloss selbst der Öffentlichkeit nicht zugänglich, da noch immer in Privatbesitz ist, so kann man doch den beeindruckenden Garten bewundern, den zu erkunden es alleine mehr als einen Tag bedürfte. Berühmt ist Birr Castle jedoch weniger für die weitläufigen Anlagen mit Gewächshaus, Schlossteich, zahlreichen Brückchen oder der Flora und Fauna, sondern für seine Pionierrolle in der irischen Naturwissenschaft. William Parsons Graf von Rosse setzte sich im Jahr 1845 in den Kopf, das größte Teleskop der Welt zu bauen, welches den passenden Namen Leviathan tragen sollte. Dieses beeindruckende Konstrukt wurde damals eine naturwissenschaftliche Sensation. In Anlehnung an das Teleskop wurde auf dem Gelände später das „Ireland’s Historic Science Centre“ erbaut, welches mit seinen Ausstellungen über Astronomie und Fotografie, sowie einem Labor und Ingenieurswerkstatt die Arbeit berühmter irischer Wissenschaftler würdigt.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Gespaltenes Land

Die zweitgrößte Stadt nach Dublin ist auf der irischen Insel mit nicht mal 300.000 Einwohnern die Universitätsstadt Belfast. 1912 lief die dort gebaute Titanic zu ihrer ersten einzigen Fahrt aus. 1969 begannen die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen militanten Gruppen der (irischstämmigen) Katholiken und (englischen) Protestanten, die auch heute noch spürbar im Stadtbild zu sehen sind. Auf den Spuren des Nordirlandkonfliktes begab ich mich auf den Weg entlang der Peaceline, die noch immer mit einer hohen Mauer die Wohngebiete von pro-irischen Republikanern und pro-britischen Unionisten trennen. Entlang dieser Mauer befinden sich zahlreiche murrals, Wandmalereien, die sich mit dem Konflikt auseinandersetzen. Obwohl dieser Zaun nur als „zeitlich begrenzte Maßnahme“ errichtet wurde, steht die Mauer noch immer und erinnerte mich als Mahnmal damit an die Berliner Mauer, die sehr ähnliche Gedanken und Gefühle aufkommen lässt.

Ähnlich unwirklich, aber eher witzig, war zudem die Überquerung der Grenzen zwischen Nordirland als Teil von Großbritannien in die südliche Republic of Ireland. Das Navigationsgerät sprang auf meiner Route zwischen drei Countys mehrere Male zwischen der Einstellung Miles und Kilometer hin und her. Musste ich vorher noch meinen Kaffee in Pfund bezahlen, galt ein paar Kilometer südlich plötzlich wieder der Euro. Zwiespältiges Völkchen, diese Iren.

Irlandverliebt?

Durchaus. Trotz meines Abenteuerurlaubs, in dem ich unglaublich viel gesehen, erlebt und erfahren habe, gelang es mir innerhalb einer Woche jedoch noch lange nicht, den ganzen Charme und die Schönheit der Insel in mir aufzusaugen. Es gibt noch so viele Orte zu erkunden: Ich muss zum Beispiel auf jeden Fall zurück, um den Blarney Stone in Cork zu küssen, der einem die Gabe der Sprachgewandtheit verleiht. Dann wäre da noch Garinish Island, die weltberühmte Garteninsel in der Bantry Bay. Oder Drombeg Stone Circle, der Altar der Druiden und quasi der Stonehenge Irlands. Und dann wären da noch – … wie auch immer.

Irland, ich komm wieder.

 

Advertisements