Moby Dick PopUp-Buch

Als das Buchfresserchen am Montag eine Frage zum Leseverhalten in der Zeit der Digitalisierung stellte, schlug mein Herz gleich ein bisschen höher. Denn genau diese ungewisse Nische ist es, für die ich mich nur all zu brennend interessiere. 

Von der Montagsfrage inspiriert, möchte ich euch heute deshalb einmal einen kleinen Einblick in die Möglichkeiten geben, welche die Technik den Lesern von heute bietet. Das Stichwort dabei lautet Interactive Storytelling. Dabei wird eine Geschichte nicht nur mit einem Medium aufgebaut, sondern mithilfe von gewiefter Programmierung zum Beispiel durch Bilder, Ton, Infografiken und Karten. Wir reden hier allerdings von interaktivem Lesen. Was also kann der Leser in der Geschichte tatsächlich beeinflussen?

Jeder Leser komponiert den Gegenstand seiner Lektüre durch aktive Selektion der vorgegebenen Links. (…) Lesen ist nicht länger ein passiver Vorgang der Rezeption, sondern wird zu einem Prozeß der kreativen Interaktion zwischen Leser, Autor und Text. (Hypertextualität im World Wide Web, Mike Sandbothe, 1996)

So könnte Interactive Storytelling in der Zukunft aussehen:

    • Firestorm  – Die britische Zeitung The Guardian brachte 2013 eine Reportage heraus, welche die Geschichte einer Familie erzählt, die nur knapp einen Buschbrand überlebt. Das Leseerlebnis ist hier zwar noch linear und wird durch das Scrollen der Seite bestimmt. Der Leser kann jedoch entscheiden, wie tief er sich mit der Geschichte beschäftigen möchte. Den Texten sind nicht nur ein Soundtrack und Hintergrundgeräusche unterlegt, sondern werden durch Videos und Tonaufnahmen angereichert. An sich schon recht interessant, jedoch nicht weiter beeindruckend, oder?
    • Alice  – Emmanuel Paletz, der an Dyslexie leidet, produzierte ein interaktives Buch, welches die Figuren aus dem Klassiker ‚Alice im Wunderland‘ von Lewis Carroll in einer Renaissance-Welt zum Leben erwacht. Hier kann man als Leser schon intensiver mit der Geschichte agieren. Die Grinsekatze streicheln, zum Beispiel. Aber mal ehrlich: Da geht noch mehr.

 

    • Device 6 – Diese grandiose App für iOS lebt von (englischem) Text. Der Spieler erlebt die Geschichte von Anna nicht nur im Lesen, sondern auf eine einzigartige Weise: Betritt die Protagonisten einen Korridor, wird der Text schmaler und nur noch zweizeilig dargestellt. Geht sie Stufen hoch so wird auch der Text zur Treppe und geht es um eine Kurve, so kippt auch das Schriftbild mit. Man hört Annas Schritte, Stimmen und andere Hintergrundgeräusche, die den Leser sofort ins Buch versetzen. Dazu kommen Bilder in einer Art 3D-Effekt. All das reichert die Atmosphäre an und gibt Hinweise auf zahlreiche Rätsel, die es zu lösen gilt, damit man ins nächste Kapitel gelangt. Steht Alice also vor einer Sackgasse, muss auch der Leser zurück gehen und nach Hinweisen suchen. Das Buch kann sich also nur weiter entwickeln, wenn auch der Leser ein bisschen mitdenkt. Ist das nicht clever?

 

    • Endgame – Die nächste Stufe für den interaktiven Leser wollte man mit dem Aguamented Reality – Spiel der Firma Niantic erreichen. Ja, genau, die Leute, die jetzt PokemonGo veröffentlichten und damit einen Boom auslösten. Die Idee von Endgame – Ancient Truth ist ähnlich wie beim Fangen der 150 Taschenmonster: In der erschaffenen Welt von James Frey und seiner Besteller-Reihe Endgame wird der Leser selbst ein Teil des Buches. Die Geschichte wird dabei von täglichen Videobotschaften von Stella begleitet. Es gibt Portale zu besuchen und dort Gegner fremder Stämme zu bekämpfen oder Hilfsmittel einzusammeln, die man per GPS in der realen Welt aufsuchen muss. Die App erzählt dabei die Vorgeschichte zum Buch und lässt andere interessante Fakten einfließen. Erscheinen sollte das Spiel 2015. Ob es jemals zur Veröffentlichung kommen wird, ist noch fraglich, da es doch recht ruhig um das Konzept geworden ist.

 

Und jetzt eine Frage an euch, die mich brennend interessiert: Hat diese Art der Geschichtenerzählung eine Zukunft? Könnte diese Art das Lesen mit dem ‚altmodischen‘ Medium Buch ablösen? Oder stören diese medialen Spektakel eher das persönliche Leseerlebniss und verhindern das Entfalten der eigenen Fantasie?

 Findet ihr das Konzept von interaktivem Storytelling Top oder Flop? 

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