Laster gehen um im Mitmachblog

und weil mich das Thema so begeistert und inspiriert hat, möchte auch ich heute etwas über Laster schreiben.Wenn eure Tante Tex textet, dann textet sie oftmals über Literatur. Und bei all den Sätzen über kleine und große Sünden musste ich unweigerlich an Dantes „Göttliche Komödie“ denken, die zu den Klassikern der Weltliteratur zählt, und, wenn nicht selbst schon gelesen, doch zumindest schon einmal bei jedem Erwähnung gefunden hat. 

Damit ihr wisst, worüber ich rede, zuerst eine kurze, recht freie Inhaltsangabe: Es ist Ostern so ums Jahr 1300 und unser Autor und Protagonist Dante irrt durch einen grauenvollen Wald voller allegorischer Tiere, die für menschliche Schwächen stehen. Er trifft auf Vergil, der ihm anbietet, ihm den Weg aus dem Wald zu zeigen. Dabei müssen sie allerdings durch die neun Kreise der Hölle – dem Inferno, und dann wieder das Purgatorio hinauf. Nur wer den Läuterungsberg besteigt und Buße tut, kann wieder entkommen.

Klingt das nicht nach spannend gelungener Fantasy? Die hatten damals schon richtige Thriller um 1320. Aber ich schweife ab.

Dante trifft auf sieben Laster, die er als Fehler der ansonsten guten menschlichen Natur ansieht:

  • Stolz, Hochmut und Eitelkeit

    Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,
    Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn’, er weist
    Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben!

    Die „Liebe zu sich selbst, verzerrt zu Hass und Verachtung für den Nächsten“, wie Dante schreibt, ist in unserer heutigen Zeit ein Trend geworden. Shows wie ‚Germanys next Topmodel‘ machen mittlerweile aus Eitelkeit und dem Stolz zum eigenen Körper Geld. Andererseits gehört der medial aufbereitete tiefe Fall der Hochmütigen inzwischen zur Grundversorgung von Unterhaltung. Ich gebe jedoch zu, ich bin selbst recht eitel. Zum Glück reicht meine Eitelkeit jedoch nicht so weit, dass dafür andere leiden. Ich denke, dieser Terrasse des Läuterberges kann ich also knapp entkommen.

  • Neid oder Eifersucht

    Von Neid verbrannt war also mein Gemüte,
    Daß, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut,
    Ich schwarz vor Gall’ in bitterm Ingrimm glühte.

    Neid ist eine der ältesten Laster und Sünden. Man denke nur an Kain und Abel (Die Bibel – auch so ein spannender Thriller voller Mord, Verrat und unerwarteter Wendungen). Ganz ehrlich: wir sind doch alle nicht ganz frei von Neid, oder? Der Klassenkamerad hat eine tolle Levis-Jeans, der Nachbar das schönere Auto, ein Freund den tolleren Job,… Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner. Existenzielle Ungleichheiten und soziale Ungerechtigkeiten wird es wohl leider immer geben. Ich selber bin kein neidischer Mensch, sondern sehe das recht pragmatisch. Sicher frage ich mich manchmal selbst, „Warum hab ich das nicht?“, aber was hilft schon jammern? Wenn du etwas willst, dann tu etwas dafür.

  • Zorn oder Wut

    Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt,
    Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt,
    Tod! Tod! so schrien sie wütend allesamt.

    Laut Dante ist die Wut die „Liebe zur Gerechtigkeit, verzerrt zu Rache und Boshaftigkeit“. Kommt mir ja meistens im Straßenverkehr. All diese Drängler, Sonntagsfahrer, Fahrradfahrer, Fußgänger. Je nachdem welche Rolle ich dabei einnehme, ist sicherlich eine Partei vorhanden, auf die ich regelmäßig meckern kann.

  • Faulheit

    „Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen,“
    Schrien alle nun, „es macht der rege Fleiß
    Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen.“

    Bei Dante werden die Trägen zu ständigem Rennen gezwungen. Wäre ja gar nichts für mich. Auch ich bin ab und zu faul. Vor allem in den Sommermonaten würde ich am liebsten nur in der Sonne liegen. Spätestens nach ein paar Stunden wird mir das dann aber doch langweilig. Zum Glück bin ich zu ruhelos, um in diesem Teil der Hölle zu landen. Gesellschaftlich gesehen werden wir jedoch alle von Trägheit geplagt. Paradoxerweise macht Faulheit erfinderisch: Mit wenigen Klicken können wir uns heute per Online-Shops alles an die Haustür liefern lassen. Sind wir zu faul zum lesen, gibt es sicherlich einen Film dazu. Zu faul zum Denken? Die Medien bilden dir schon eine Meinung.

  • Geiz und Habgier

    Da macht’ ich mir des Reiches Zaum zu eigen,
    Und so vermehrt’ ich meine Macht alsdann,
    So sah ich sie durch Land und Freunde steigen

    Habgier ist nach Dante die „exzessive Liebe zu Geld und Macht“. Auch diesem Laster kann ich mich ehrlicherweise nicht ganz entsagen. Ich bin ein Schnäppchenjäger. Ich möchte möglichst viel für einen kleinen Preis. Meine liebsten Wörter sind dabei Ebay und ‚Schlussverkauf‘. Ich trage meinen kleinen Teil bei, an der kollegialen Mitschuld bei Lohndumping, Milchskandal und Kinderarbeit. Aber was soll man schon machen als Student mit mikrigem Nebenjob auf Mindestlohn-Basis? Bei größeren Anschaffung bin ich dann aber doch der Erziehung meiner Eltern erlegen:“Kind, kauf dir keinen Scheiß, sondern Qualität!“.

  • Völlerei

    Der Duft, den jene Früchte von sich geben,
    Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
    Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben.

    Auf der sechsten Terrasse müssen die Maßlosen dem Essen und Trinken entsagen. Das Laster schlechthin: zu viel Süßes, zu viel Alkohol, Koffein, Nikotin. Mittlerweile haben wir das doch alle erkannt, und geben unser bestes, den ungesunden Verführungen zu widerstehen. Ich reihe mich da natürlich selbst mit ein. Ob der ‚Quäl dich Fit‘-Trend, dem ich jetzt beiwohne, das richtige Conter für dieses Laster ist, sei mal dahin gestellt. Wenns mich überkommt, werde ich mich vermutlich trotzdem mit meinem Nutella-Glas unter der Bettdecke verstecken.

  • Wollust

    Die andre – untreu des Sichäus Schatten –
    Gab sich aus Liebeskummer selbst den Tod;
    Sie schwankt voran der niemals wollustsatten

    Dantes Bemerkung dazu ist, dass „Wollust von der echten Liebe ablenkt“. Echte Liebe? Wo soll man die denn heute finden? Angeblich bei Lovoo, eDarling und Tinder. Und selbst da gilt wie auch im Verkauf  ‚Sex sells‘. Der Wollust können wir uns heute kaum noch Entziehen. Pornografie ist mittlerweile gesellschaftsfähig. Schöne leichtbekleidete Körper verkaufen uns Parfum, Unterwäsche, Shampoo, Autos oder Eis. Zum Glück gibt’s seit ein paar Jahren den Trend zu mehr Niveau, Intelligenz und wahre Schönheit in der Werbung. Vielleicht werde ich ja doch von dieser Sünde freigesprochen.

 

Dante kommt  – Vorsicht, Spoiler! – natürlich ins Paradies. Ich dagegen würde vermutlich auf ewig in Dantes Hölle schmoren. Aber was solls, wer nicht? Wenigstens treffen wir uns alle zusammen dort. Außer derjenige, der frei von Sünde ist, der werfe doch bitte den ersten Kuchen. Den kann ich dann genüsslich verspeisen. Eine kleine Sünde ab und zu macht doch das Leben erst lebenswert. Oder?

 

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