Wenn du liest, stellst du dir dann bewusst alles vor oder passiert das eher automatisch? Oder liest du einfach ohne Kopfkino?

Eine sehr schöne Frage laß ich heute morgen wieder beim Buchfresserchen. Kopfkino ist ja sowieso ein schönes Wort. Im Kino sitzt man ja oftmals nicht alleine, was impliziert, dass dieser Film noch in ganz vielen anderen Köpfen stattfindet. Oder sind da vielleicht mehrere Besucher im Kopf? Darüber müssen wir nachdenken…

Aber kommen wir zur eigentlichen Frage. Ein ‚bewusstes‘ Vorstellen ist es bei mir weniger. Je nachdem, wie sehr mich eine Geschichte fesselt, bekomme ich eigentlich garnicht mit, dass ich da Wörter lese, ein Buch in der Hand halte und in meinem Bett liege. Ich bin in der Geschichte. Bei den meisten Romanen bin ich eine kleine Randfigur, die nur zufällig gerade auf dieser Straße, in diesem Wald oder in dem Zimmer steht, wo auch die Figuren gerade ihre Handlung vollführen. Mich bekommt nur eben keiner mit. Ich bin ein stiller Beobachter in der Ecke, aber ich sehe die Figuren vor mir, spüre sie vielleicht nicht atmen, aber höre definitiv ihre Stimmen in meinen Ohren. Von daher könnte man wohl sagen, dass mein Imaginierungsprozess „automatisch“ geschieht.

Bei manchen Figuren sind die Gesichter allerdings unscharf. Einige sehe ich klar vor mir, wie Professor Snape mit seiner Hakennase, Mr. Holmes mit scharfem Blick und Huckleberry Finn, dem der Strohhut ins sonnensprossige Gesicht rutscht. Andere Charaktere, die nur ‚Durchschnitt‘ sind, sehe ich da etwas verschwommener vor mir. Da wären zum Beispiel Bella aus Twilight, Clary aus den Chroniken der Unterwelt und Wie-hieß-sie-noch-gleich aus 50 Shades. Meine Fantasie ist leider immer nur so gut, wie die Wortgewalt des Autors.

Cover und Illustrationen weisen mir meist eine Richtung. Sehe ich eine Schwarz-Weiß-Illustration auf Seite 80, verschiebt sich mein Multi-Color-Gedanke automatisch in einen Noir-Film. Bei bunten, skurilen Stilen wird aus meinem Fantasy-Abenteuer ein nicht minder spannender Trickfilm. Lese ich Anne Frank, sind die Stimmen blechern und verrauscht, wie aus einer alten Radio-Aufnahme der 40er Jahre. Ihr versteht das System.

Was mich am meisten ärgert – oder mir zumindest die Fantasierereien erspart – sind die Filme. Mir fällt es schwer, mir meinen eigenen Charakter zu ersinnen, wenn ich zuerst den Film gesehen und dann das Buch gelesen habe. Brendan Fraser wird für mich wohl immer Vater Mo bleiben, egal wie oft ich Tintenherz noch lese. Und seltsamerweise schleicht sich auch das Gesicht von Dieter Hallervorden nun immer wieder als Bösewicht in die Fitzek-Thriller.

Fazit ist an dieser Stelle, dass mein Gehirn witzige Dinge tut, wenn es liest. Ich bin ein sehr musikalischer Mensch und lese mit „Soundtrack“. Also nicht, dass ich während ich lese, Musik laufen habe(was aber auch regelmäßig passiert), sondern dass ein über 100-Mann großes Sinfonie-Orchester in meinem Kopf aufspielt! Dramatische Liebesszene – die Geigen spielen einen qualvollen Reigen. Die Protagonisten gehen in eine Bar und ich höre die schokoladige Stimme einer Jazzsängerin. Ein Wild-Western-Szene? Da sind sie, die Fiedel, ein Banjo und die Mundharmonika.

frühlingDa habe ich ja wieder mal viel erzählt. Ich hoffe, ich konnte die Frage zur vollsten Zufriedenheit aufklären. Jetzt hattet ihr zudem mal einen einmaligen Blick in meinen Lesevorgang. Ich hätte fast geschrieben „in mein Gehirn“. Na das wär‘ eklig.

Bis nächste Woche, liebes Fresserchen!

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