[Montagsfrage] KW 16

Wenn du liest, stellst du dir dann bewusst alles vor oder passiert das eher automatisch? Oder liest du einfach ohne Kopfkino?

Eine sehr schöne Frage laß ich heute morgen wieder beim Buchfresserchen. Kopfkino ist ja sowieso ein schönes Wort. Im Kino sitzt man ja oftmals nicht alleine, was impliziert, dass dieser Film noch in ganz vielen anderen Köpfen stattfindet. Oder sind da vielleicht mehrere Besucher im Kopf? Darüber müssen wir nachdenken…

Aber kommen wir zur eigentlichen Frage. Ein ‚bewusstes‘ Vorstellen ist es bei mir weniger. Je nachdem, wie sehr mich eine Geschichte fesselt, bekomme ich eigentlich garnicht mit, dass ich da Wörter lese, ein Buch in der Hand halte und in meinem Bett liege. Ich bin in der Geschichte. Bei den meisten Romanen bin ich eine kleine Randfigur, die nur zufällig gerade auf dieser Straße, in diesem Wald oder in dem Zimmer steht, wo auch die Figuren gerade ihre Handlung vollführen. Mich bekommt nur eben keiner mit. Ich bin ein stiller Beobachter in der Ecke, aber ich sehe die Figuren vor mir, spüre sie vielleicht nicht atmen, aber höre definitiv ihre Stimmen in meinen Ohren. Von daher könnte man wohl sagen, dass mein Imaginierungsprozess „automatisch“ geschieht.

Bei manchen Figuren sind die Gesichter allerdings unscharf. Einige sehe ich klar vor mir, wie Professor Snape mit seiner Hakennase, Mr. Holmes mit scharfem Blick und Huckleberry Finn, dem der Strohhut ins sonnensprossige Gesicht rutscht. Andere Charaktere, die nur ‚Durchschnitt‘ sind, sehe ich da etwas verschwommener vor mir. Da wären zum Beispiel Bella aus Twilight, Clary aus den Chroniken der Unterwelt und Wie-hieß-sie-noch-gleich aus 50 Shades. Meine Fantasie ist leider immer nur so gut, wie die Wortgewalt des Autors.

Cover und Illustrationen weisen mir meist eine Richtung. Sehe ich eine Schwarz-Weiß-Illustration auf Seite 80, verschiebt sich mein Multi-Color-Gedanke automatisch in einen Noir-Film. Bei bunten, skurilen Stilen wird aus meinem Fantasy-Abenteuer ein nicht minder spannender Trickfilm. Lese ich Anne Frank, sind die Stimmen blechern und verrauscht, wie aus einer alten Radio-Aufnahme der 40er Jahre. Ihr versteht das System.

Was mich am meisten ärgert – oder mir zumindest die Fantasierereien erspart – sind die Filme. Mir fällt es schwer, mir meinen eigenen Charakter zu ersinnen, wenn ich zuerst den Film gesehen und dann das Buch gelesen habe. Brendan Fraser wird für mich wohl immer Vater Mo bleiben, egal wie oft ich Tintenherz noch lese. Und seltsamerweise schleicht sich auch das Gesicht von Dieter Hallervorden nun immer wieder als Bösewicht in die Fitzek-Thriller.

Fazit ist an dieser Stelle, dass mein Gehirn witzige Dinge tut, wenn es liest. Ich bin ein sehr musikalischer Mensch und lese mit „Soundtrack“. Also nicht, dass ich während ich lese, Musik laufen habe(was aber auch regelmäßig passiert), sondern dass ein über 100-Mann großes Sinfonie-Orchester in meinem Kopf aufspielt! Dramatische Liebesszene – die Geigen spielen einen qualvollen Reigen. Die Protagonisten gehen in eine Bar und ich höre die schokoladige Stimme einer Jazzsängerin. Ein Wild-Western-Szene? Da sind sie, die Fiedel, ein Banjo und die Mundharmonika.

frühlingDa habe ich ja wieder mal viel erzählt. Ich hoffe, ich konnte die Frage zur vollsten Zufriedenheit aufklären. Jetzt hattet ihr zudem mal einen einmaligen Blick in meinen Lesevorgang. Ich hätte fast geschrieben „in mein Gehirn“. Na das wär‘ eklig.

Bis nächste Woche, liebes Fresserchen!

Advertisements

6 Kommentare

  1. Huhu 🙂

    Mein Kopfkino ist ein lustiges, buntes, lebhaftes Ding, hat allerdings ein Eigenleben, das ich nicht immer nachvollziehen kann. Manchmal zeichnet es Bilder, die nicht den Beschreibungen des/der Autor_in entsprechen. Jon Snow wird für mich z.B. niemals schwarze Haare haben, sondern immer weißblond sein, egal, wie sehr ich mich anstrenge, das zu ändern. Das nehme ich jedoch gern in Kauf, denn das Sehen einer Geschichte ist genau das, was das Lesen für mich so wertvoll macht. Schwarz auf weiß gedruckte Buchstaben sind wie Portale in neue Welten. 🙂

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog

    Viele liebe Grüße,
    Elli

    Gefällt 1 Person

  2. Huhu!

    Ja, die Frage ist zu voller Zufriedeheit beantwortet, zumindest was mich betrifft.
    Das mit dem Orchester in deinem Kopf ist interessant. Das habe ich nicht – und es bisher auch noch nirgendwo gehört – stelle ich mir aber auch cool vor. Ich meine, was ist auch ein (Kopf)Kinofilm ohne Soundtrack 😉 Ich hör dafür dann doch immer externe Musik.
    Und ja, ich lese auch lieber erst das Buch und sehe dann den Film, dann kann ich mir zumindest eine Zeit lang mein eigenes Bild machen 🙂

    Liebe Grüße
    Marina

    Gefällt 1 Person

  3. Das ist ja witzig, ich hab da irgendwie noch nie genauer drüber nachgedacht… außer jetzt 😀
    Und ich muss gestehen, dass ich irgendwie oft glaube, ich hätte gar kein genaues Bild im Kopf, bis ich den Film sehe von einem Buch und mir denken: WAAAAAS, die sehen doch alle ganz anders aus!! 😀

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s