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„Wenn die Welt aufhören würde, sich Kriege und Hungersnöte und andere Gefahren zu leisten, so wären die Menschen immer noch in der Lage, einander in tödliche Verlegenheit zu stürzen. Unsere Selbstvernichtung würde auf diese Weise vielleicht etwas länger dauern, aber ich bin überzeugt, sie wäre nicht weniger vollkommen.“

  • Autor: John Irving
  • Titel: Das Hotel New Hampshire
  • Originaltitel: The Hotel New Hamphire
  • Sondereinband: 608 Seiten
  • Verlag: Diogenes
  • ISBN-10: 3257211945
  • Genre: Belletristik/ Gegenwartsliteratur

Klappentext (lt Amazon): Eine gefühlvolle Familiengeschichte, in der motorradfahrende und feministische Bären, weiße Vergewaltiger und schwarze Rächer, ein Wiener Hotel voller Huren und Anarchisten, ein Familienhund mit Flatulenz im Endstadium, Arthur Schnitzler, Moby Dick, der große Gatsby, Gewichtheber, Geschwisterliebe und Freud vorkommen – nicht der Freud, sondern Freud der Bärenführer.

Review: Über 70 ist er jetzt, der liebe Herr Irving. Aufgrund des neuen Romans „Straße der Wunder“, der im März 2016 erschien, entsinne ich mich deswegen wieder an meine Irving-Jungfräulichkeit. Deswegen möchte ich euch heute einmal meinen ersten Irving ans Herz legen.

Wer die ereignisreiche Lebensgeschichte der Familie Berry und deren Hotelgäste noch nicht kennt, sollte sich auf einiges vorbereiten: Geschwisterliebe, gleichgeschlechtliche Liebe, verbotene Liebe, unerwiderte Liebe, Schicksalsschläge, Bären, Terroranschläge, Rache, Wachstumsversuche und den Tod. Und dabei schwimmt Kummer immer oben.

Und doch ist es keine Liebesgeschichte. Es ist eher eine Biografie einer Familie, die mit unerwarteten Wendungen leben muss. Ein besonders großes Thema ist hier eine Vergewaltigung, die einen komplizierten Rattenschwanz mit sich zieht. Ihr seid also gewarnt. Irving hat diese besondere Eigenschaft, einen Charakter so komplex zu erschaffen, dass eine Figur unweigerlich noch eine ganze Weile an einem klebt: Du kennst sie. Du liebst sie. Und irgendwie werden sie real. Dabei erfahren wir nicht einmal die Gedanken der Figuren. Sie werden so anschaulich erklärt, ihre Handlungen und Kommentare so intensiv dargestellt, dass wir automatisch ein Individuum im Kopf erschaffen.

„Wir träumen immer weiter: das beste Hotel, die perfekte Familie, das Leben in der Sommerfrische. Und unsere Träume entschlüpfen uns fast so lebendig, wie wir sie heraufbeschwören können. Im Hotel New Hampshire sind wir lebenslänglich festgeschraubt – aber was ist schon ein wenig Luft in der Leitung, ja selbst massenhaft Scheiße in den Haaren, wenn man gute Erinnerungen hat?“

Irving schafft es auch hier, die Grenze zum Lächerlichen anzukratzen, ohne sie zu überschreiten. Und wenn er es doch mal tut, dann bleibt es doch glaubwürdig, denn selbst in der realen Welt geschehen manchmal Dinge, wo wir sagen „Das gibt’s ja nich.“ Und darauf wird spekuliert. Leider muss ich bei dem ‚Hotel New Hampshire‘ was den Absurd-Faktor angeht ein paar Abstriche machen, denn hier hat er es doch etwas übertrieben.

Wie es John Irving immer tut erzählt er eine Geschichte, so mitreißend, umfassend und komplex, dass ich nicht wusste ob ich das ‚Hotel‘ in einem rutsch durchlesen oder lieber ab und zu einmal weglegen sollte, um sich dem bewusst zu werden, was ich gerade gelesen habe. Deswegen 4 Tassen auf die Familie Berry.

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